• Das Kettensägenmassaker


    Hah, war ja wieder klar, daß ich mit so einer Geschichte aufwarten kann. 🙂 Aber der Reihe nach.

    Heute Nachmittag war ich an den Wapta Falls unterwegs; ein leichter Wanderweg, ein paar Kilometer entfernt vom Highway. Auf dem Rückweg zum Auto fing es an zu regnen. Ich kam keine Sekunde zu früh zurück, denn es brach ein ordentlicher Sturm los. Mit mir zusammen waren vielleicht noch zwei oder drei andere Autos zurück zum Highway unterwegs. Ein paar kamen uns noch entgegen.

    Ein paar hundert Meter vor der Einbiegung bricht in dem mittlerweile starken Sturm plötzlich ein ordentlich großer Baum auf die Straße. Nur knapp hinter einem der anderen Autos und nur ca. 50 m vor dem darauffolgenden Fahrzeug, dem vor mir. Die beiden Stämme (war so ein merkwürdig gewachsener, doppelter Baumstamm) wären groß und schwer genug gewesen, das Auto platt zu machen. Echt Schwein gehabt! Allerdings – da war für normale Autos jetzt kein Durchkommen mehr.

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    Da standen wir nun alle, gemeinsam gefangen, ohne Handyempfang. Einer der Fahrer startete mit seinem PS-starken Pickup-Truck den Versuch, die Stämme wegzuziehen.

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    Das haben wir nach zwei gerissenen Seilen und einer verbogenen Stoßstange dann erstmal besser sein lassen. 😉

    Meine Wenigkeit machte sich auf den Weg zur Hauptstraße, um evtl. einen der großen Sattelschlepper anzuhalten und als schweres Räumungsgerät umfunktionieren zu lassen. Naja, die Ausrüstung der Jungs war bestimmt auch irgendwann einmal zu mehr zu gebrauchen gewesen. Wenn schon einer anhielt, hatte er kaum was brauchbares dabei.

    Pickup-Truck-Guy hatte es inzwischen geschafft, mit seiner Büchse über die beiden Stämme hinwegzubrettern, und er war auf dem Weg, um im nahegelegenen Dorf Hilfe zu holen. Wie sich herausstellte, hat die für die kanadischen Nationalparks zuständige Organisation, Parks Canada, noch nicht einmal Kettensägen oder sowas in jeder ihrer Stationen zur Verfügung. Ergibt im stark bewaldeten Westkanada vermutlich wenig Sinn. 😉

    Einer der anderen Fahrer war mittlerweile dem ersten Baumstamm mit einer kleinen Handsäge und einer Axt zu Leibe gerückt. Ein meiner Ansicht nach etwas jämmerliches Unterfangen angesichts des Umfangs des Stammes – und der Größe der Werkzeuge. Sieht vermutlich ein bißchen nach der klassischen Teamarbeit aus: einer schwitzt, und die anderen geben kluge Ratschläge. Aber wir haben wirklich fast alle angepackt. Mehr als einer konnte da eh nicht drauflos hacken.

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    Somit hatten wir was zu tun, und jeder ackerte sich immer wieder ein paar Minuten an dem Ding ab. Wir schafften es sogar, den ersten Stamm zu durchtrennen. Denn …

    … bis Parks Canada aus dem 200 Kilometer entfernten Lake Louise doch endlich mit vernünftigem Werkzeug anrückte, vergingen mindestens drei Stunden. Und selbst diese Herren verschliessen noch zwei Kettensägen an unserem Bäumchen, bis sie es komplett zerlegt hatten.

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    Aber wir sind da alle heile rausgekommen. Niemand war verletzt oder allzu aufgeregt. Und damit auch keiner die aufregende Abenteuereinlage vergisst, hab ich mich während der Wartezeit daran gemacht, von soviel Leuten wie möglich die Emailadressen herauszufinden, um demnächst alle Bilder und Videoclips unserer kleinen Gefangenschaft auszutauschen. So ein paar nette Bekanntschaften mit Leuten aus allen möglichen Ländern macht man dabei ja auch. 🙂

    Diese kleine Story hat mir heute Abend bei meiner Übernachtung sogar einen kleinen „Mitleidsbonus“ eingebracht (ohne daß ich es darauf angelegt hätte!). Die Motelbesitzerin war so beeindruckt und schockiert von der Anekdote, daß sie mir das Zimmer zum halben Preis gegeben hat … damit ich Kanada „nicht in schlechter Erinnerung behalte“. Nett, oder?! 🙂 Dabei gehören Naturgewalten hier doch dazu. Auch wenn es vermutlich hätte weniger glimpflich ausgehen können.


    5 responses to “Das Kettensägenmassaker”


    • Bernhard und Ina

      Hey Marco,
      warum Preisnachlass, Preisaufschlag wäre ok. Schließlich hast Du doch keinen Abenteuerurlaub gebucht 🙂

      Übrigens die Spiegelbilder sind toll. Toll wenn das Wasser so glatt ist und so schöne Farben hat.
      Gruß
      Ina und Bernhard


    • Wolfi

      Was „lernt“ uns das: Bei der nächsten Tour Kameraballast weglassen und Kettensäge mitnehmen. Mit besten Grüßen
      Wolf


    • Ingo

      Hehe, naja Du langweilst Dich nicht. Erst Grizzlys, dann Baumattacken. Komm nicht unter die Raeder! Und noch viel Spass! 🙂


    • Dörte

      ???Wie jetzt? Die haben keine KETTENSÄGEN in ihren Stationen??? Das ist ja ungefähr so, wenn Du ins Krankenhaus gehst und sie Dir den Blinddarm nicht rausnehmen können,weil sie nicht in jedem ein Skalpell haben 😀
      Was wir letztes Jahr noch komisch fanden: wir haben über 4000 Kilometer zurückgelegt, aber nur 2 Sägewerke gesehen… eins auf Vancouver Island in der Nähe von Telegraph Cove und eins in Alberta….komisch…? Da müsste doch jedes Dorf fast eins haben?
      Hast Du mehr gesehen?


    • Marco

      Die (wirklich netten) Jungs und Mädels von Parks Canada auf Mt. Revelstoke haben ihre Kollegen in Schutz genommen, als ich die Story erzählte. Deren Meinung nach hatte Field an dem Abend wahrscheinlich nur niemanden mehr da, der „qualifiziert genug“ war, um so ’n Ding bedienen zu dürfen. Um in der Terminologie zu bleiben: so als würde der Hausmeister die Appendektomie durchführen. 😉 Macht die Sache meines Erachtens aber auch nicht besser oder weniger peinlich für Parks Canada.
      Was die Sägewerke angeht … hmm, hab ich noch gar nicht drüber nachgedacht. Aber vielleicht stehen sie auch einfach nicht immer direkt am Straßenrand?! Andererseits sieht man auch diese unzähligen Holztrucks auf den Highways. Kann also schon sein.


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