• Bärenmarke


    Ich biege auf die Zielgerade dieses Roadtrips ein. Morgen geht es auf wahrscheinlich direktem Weg zurück nach Anchorage. Das sind nochmal ein paar Stunden Fahrt. Übermorgen geht dann mein Flug über Seattle zurück nach Hause.
    Seit dem letzten Blog-Eintrag hat Alaska aber erneut alles gegeben, meistens nicht nur wettermäßig, sondern auch bei allen anderen Eindrücken. Von daher verzeihe ich sogar den einen oder anderen kompletten Regentag, z.B. auf dem Weg von Seward nach Homer quer über die Kenai-Halbinsel. 😉


    Von Seward aus kann man ganz prächtige Bootstouren in den Kenai Fjords Nationalpark unternehmen. Was für ein Wetterchen ich erwischt habe! Da hat mir doch gleich schon wieder einer so einen Batzen Gletschereis vom Columbia Glacier in die Hand gedrückt. Ich verspreche hoch und heilig, ich hab auch den hier ganz schnell wieder zurückgelegt und nicht als Souvenir eingesteckt. 😉



    Eigentlich wollte ich ja nur mal beim Exit Glacier des Harding Icefield vorbeischauen (das bedeckt hier große Teile des Inneren der Halbinsel und hat eine Größe nur etwas geringer als das Saarland). Am Exit Glacier gibt es ein paar Aussichtspunkte am unteren Ende, wo man quasi gemütlich vorbeispazieren kann. Und dann gibt es 3 Lookouts, die es allesamt in sich haben. Der erste war Ehrensache (mit ca. 500 Meter Höhenunterschied), zumal die Aussicht auf den Gletscher dort schon beeindruckend war. Zum zweiten (dem Top of the Cliffs) zog mich Neugierde – und spontaner Ehrgeiz. 😉 Dummerweise stand an der Stelle aber kein Schild, so wie beim ersten. Und nur weil einem bei einer erneut fantastischen Sicht auf den Gletscher der Mund offen steht, heißt das ja nicht, daß man schon da ist. So ohne Hinweis kann ein paar hundert Meter weiter ja noch The Real McCoy auf einen warten. Also weiter rauf. Und je länger das dauerte, je dünner die Luft wurde, je mehr die Vegetation nachließ, umso mehr dämmerte mir: ich bin schon auf dem letzten Abschnitt, der Knochenmühle namens End of the Trail. Wurde mir dann auch von einem der sehr wenigen anderen Wanderer bestätigt. Na gut – wenn ich schonmal hier bin. 😉 Spätestens als mir oben die Kinnlade runterklappte, hab ich mein „Versehen“ 😉 nicht bereut, auch wenn ich vermutlich reichlich fertig aussehe. Aber glaubt mir – das ist innere Befriedigung, diesen Ausblick zu genießen und ihn zum Zeitpunkt am späten Nachmittag luxuriöserweise auch noch ganz für mich alleine zu haben.





    Hier der Beleg: ich hatte auf den etwa 7 Kilometern Aufstieg ungefähr 1000 Höhenmeter zurückgelegt.



    Der Rückweg in der untergehenden Sonne (gibt’s dann bald auf meiner Webseite zu sehen, ich verspreche wahrscheinlich nicht zu viel…) bot dann nochmal viele wunderbare Ausblicke auf das Harding Icefield, den Gletscher und die das Tal umgebenden, schneebedeckten Gipfel. Der Abstieg war aber auf andere Art auch eine Herausforderung, fast mehr als der Weg hoch. Es wurde langsam dunkel, bergab merke ich immer ganz gut in den Beinen bzw. in den Knien (selbst einige Tage danach noch), und in dem Gebiet des untersten Abschnitt des Trails war laut Rangerstation eine Bärin mit Jungtieren unterwegs. Naja, alles gut gegangen. 🙂


    A propos Bären. Ich hatte es ja schon angekündigt. Auf der Kenai-Halbinsel gibt es eine verhältnismäßig große Population Bären aller Art, was an den reichhaltigen Futterquellen in Form von Lachsen liegt (und vermutlich an der geringen Anzahl Menschen). Allerdings war diese Info nur insofern korrekt, als daß man von Kenai(!) aus zahlreiche Touren zum Bear Viewing planen kann, nämlich hier in Homer. Die Bären selber gibt es dann auf der anderen Seite der Kachemak-Bucht zu bestaunen, im Katmai Nationalpark. Und dort kommt man von Homer aus nur per Wasserflugzeug oder Helikopter hin, was so eine Tour allein schon aufgrund der technisch möglichen Passagieranzahl pro Flug etwas exklusiver (vulgo: teuer) macht. Gottseidank gab’s für Cash einen kleinen Rabatt. Ich musste dafür nur ein paar Bankautomaten in Homer plündern und den ganzen restlichen Abend wie ein CDU-Schatzmeister mit dem Bündel Scheine in der Tasche in der Gegend herumlaufen. 😉



    Aber ich hab auch das keine Sekunde bedauert. Dutzende Bären hatte ich auf stellenweise weniger als 100 Meter vor der Linse. Sie so nah und in ihrer natürlichen Umgebung beobachten und fotografieren zu können, hat man nicht alle Tage.
    Man darf nicht denken, daß man den Bären gleichgültig ist, besonders auf diese Entfernung. Die beobachten uns nämlich genauso, wie wir das mit ihnen tun. Beharrlichkeit und Ausdauer sind gefragt. Immer wieder abwarten, wie sie auf einen reagieren und ob sie einen in ihrem Revier dulden. Laut der Tourbegleitung/Pilotin geht bei vorsichtigem Verhalten jedoch so gut wie keine Gefahr von den Bären aus, wenn man sich ihnen auf die von uns hier praktizierte Art nähert.



    Zum Angriff gehen sie ausschließlich über, wenn man sie überrascht, wenn sie ihre Jungen verteidigen wollen oder meinen, das zu müssen, und wenn man vor ihnen wegrennt. Letzteres löst bei ihnen meistens den Reflex „FUTTER!“ aus. Fühlen sie sich lediglich gestört oder genervt, ziehen sie sich eher zurück. Ansonsten ignorieren sie einen, halten weiterhin Montag-Siesta und denken sich vermutlich „Pffft, Menschen! Auch noch Touristen!“ (siehe rechts hinten, auch in dem Bild darüber). 😉



    Es war jedenfalls ein Highlight dieses Urlaubs.


    Und der Helikopterflug bei herrlichem Sonnenschein durch die Bucht und auf dem Rückweg auch noch rund um den aktiven Vulkan des Mount St. Augustine mitten in der Bay – wow! 😎



    Die Pilotin (die Kleene neben mir) und ihre hemdsärmelige Art hatten ebenfalls ihren Anteil an dem Erlebnis. Ihr dreckiges Lachen dürfte die Tonspur jedes meiner Videos angereichert haben. 😀 Sie schien selber nicht weniger Spaß am Flug und an den Bären zu haben wie ich und das Schweizer Pärchen.



    Soooo – wie immer gibt es am Ende der Blogreihe wieder das kleine Quiz. Dieses Mal was zum Schätzen. Wie weit, schätzt Ihr, ist Alaska von Japan entfernt?
    Und da ich auf diesem Trip ja auch für ein paar Tage im Yukon war, komme ich für eine Zusatzfrage nochmal zurück auf Mr. Jack London, der ja eine Weile in Dawson City gelebt hat, um am Goldrausch teilzuhaben. Hier die Frage: Mit welchen Reichtümern kehrte Jack London am Ende seiner Zeit vom Klondike River zurück in seine Heimat San Francisco?
    Ihr kennt das ja, ich halte die Antworten eine Weile zurück. Mal sehen, was Euch so in den Sinn kommt. Wer die jeweilige Antwort nach meinem Eindruck „zu“ exakt beziffert, hat bei Wikipedia abgeschrieben… 😉


    Viel Berichtenswertes dürfte bis zu meiner Abfahrt morgen hier in Homer und dann evtl. auch bis zum Rückflug am Donnerstag voraussichtlich nicht mehr passieren. Der Kilometerzähler meines Mietwagens wird vorbehaltlich der Fahrt nach Anchorage in etwa 5600 zurückgelegte Kilometer anzeigen. Da kommen sogar noch ca. 500 Kilometer mit der Bustour nach Coldfoot und weitere etliche mit diversen Gefährten zu Wasser und zur Luft hinzu. Ich bin wie immer ganz schön übersättigt mit Eindrücken, aber halt auch sehr glücklich und zufrieden mit dem Erlebten und mit den geschossenen Fotos – allein schon mit denen, von denen ich jetzt bereits annehme, daß sie vielleicht sogar zu meinen All-Time-Best-Of gehören könnten, wie die Fotos der Nordlichter. Aber natürlich – für eine abschließende Beurteilung muss ich die ca. 8000 Rohaufnahmen alle noch eingehender auf einem großen Monitor begutachten.


    (Update: Ab jetzt sind die Fotos wie immer auf www.boltz-online.com unter „Fotografie“ und „Alaska und Yukon Territory 2019“ bzw. per Klick auf die entsprechende Stelle auf der Weltkarte zu sehen.)


    Ich gönne mir für die verbleibenden Stunden hier in Alaska (natürlich abgesehen von der Autofahrt, versprochen! 😉 ) jetzt erstmal die (Körper-)Haltung von Cruising Moose. Kaputt, aber tiefenentspannt! 😎



    Wir sehen uns zu Hause!
    Marco


    2 responses to “Bärenmarke”


    • Mutti

      Hallo, mein Alaskabezwinger,
      danke für den ausführlichen und sehr plastischen Bericht. Ja, manchmal ist der Rückweg dann weit, wenn sich beim Hinweg ein Höhepunkt an den nächsten reiht.
      Aber es hat sich alles gelohnt. Das ist deinem Bericht zu entnehmen und das ist super.
      Zu Jack London: Jedenfalls ist er verarmt gestorben. Kein Geld mehr, aber viel Ruhm.
      Liebe Grüße, auf später, Mutti


    • Mutti

      Hallo, hier nochmal ich und jetzt mit etwas mehr Ruhe.
      Da hast du ja wirklich viel eingepackt in die kurze Zeit. Den Gletscher, die Tour zu den Bären mit dem Heli und die Bootstour. 🙂
      Schön, dass du den Bären so nahe kommen konntest zum Fotografieren, aber gut, dass du der Bärenmutter mit den Jungen besser nicht über den Weg gelaufen bist.
      Und dann auch noch dem Vulkan in den Schlund geguckt.
      Alles in Allem sehr vielfältig. Leider auch das Wetter, aber Regen gehört in Alaska wohl dazu.
      Kilometer hast du ja nun genug gemacht. Damit wärst du auch von Anchorage nach Tokio gekommen.
      Jetzt komm‘ gut heim. Und ich freu mich schon auf die Fotos.
      Liebe Grüße, Mutti


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